Die Essay-Reihe

e-storys. elektrizität, energie & literatur

Auf diesem Platz im WorldWideWeb erscheinen Beiträge, die die literarische Seite der Energie und der Energiewende in den Blick nehmen. Dass wir bei WindNODE einen solchen Platz schaffen, ist ganz folgerichtig, denn schließlich gehen wir davon aus, dass das Gelingen der Energiewende in hohem Maße davon abhängt, dass man neben all den technischen, ökonomischen und rechtlichen Facetten auch ihre gesellschaftliche und kulturelle Seite erkundet und versteht. Hier können gerade die Literatur und die Kunst in ihren Geschichten, Bildern und der Art und Weise, wie diese emotionalisieren und Werte setzen, Auskunft geben. Deshalb initiieren wir in benachbarten Projekten wie „Energy meets Art“ bereits eine Begegnung von erneuerbaren Energien und bildender Kunst (insbesondere Malerei) – und hier, an dieser Stelle, treffen sich nun Literatur und Energie.

In Zukunft werden hier Texte und AutorInnen aus Geschichte und Gegenwart vorgestellt, die unseren Umgang mit Ressourcen in Geschichten fassen und insbesondere die elektrische Energie unter die Lupe nehmen. Dabei können ganz unterschiedliche Fragen und Themenfelder auftauchen. Zum Beispiel: Was sagt die Literatur darüber aus, wie unterschiedliche Energieformen Lebenswelten und Gemeinschaften prägen und geprägt haben? Der Blick in die Geschichte zeigt: Kulturen verändern sich mit den Energiequellen, aus denen sie sich speisen. Das 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der Kohle, das 20. Jahrhundert wurde zudem von Erdöl und Uran bestimmt. Was diese Entwicklungen für Lebens- und Arbeitswelten bedeutet haben und wie sich Kulturräume und Landschaften veränderten, zeigt die Literatur in hoher Plastizität. Sie zeigt, welche Hoffnungen und Ängste, welche Zukunfts- und Fortschrittsideen mit den Energien in Zusammenhang standen. Und natürlich ist sie auch ein Seismograph für die Veränderungen, die sich mit der aktuellen Energiewende und dem neuen Solarzeitalter ergeben. Anders gesagt: Die Energiewende ist auch eine ‚Kulturwende‘, und die Literatur kann in hochauflösender Optik über diesen Prozess Auskunft geben.

Eine weitere Frage: Welche Heldinnen und Helden erfindet die Literatur, wenn es um den Fortschritt in Sachen Energie geht? Gibt es zum Beispiel Figuren, die die ökologische Notwendigkeit erkannt haben, den Klimawandel einzudämmen und zugleich die Energiewende als Chance begreifen: als Chance zur Partizipation, als Chance einer Region und als Chance eines echten Gemeinschaftswerks? Werden also ethische Haltungen entwickelt und entworfen, an denen man sich als Leser möglicherweise orientieren kann?

Auf solche Fragen, die letztlich aus dem sehr komplexen Verhältnis zu unseren Ressourcen hervorgehen, werden hier keine umfassenden Antworten gegeben werden können. Aber schon ein Seitenblick auf die Künste und ihre Geschichte hat oft den Effekt, dass man die alltäglichen vertrauten Dinge anders wahrnimmt. Mit Vorliebe kratzt die Kunst am Selbstverständlichen, gekonnt verschiebt sie Perspektiven, fast immer erfährt man dabei etwas Neues über seine eigene Zeit und die Möglichkeitsräume, die das eigene Handeln umgeben. Die Tatsache, dass es wenige Dinge gibt, die uns alltäglicher und vertrauter sind als der elektrische Strom kann eigentlich nur heißen, dass man an ihm noch eine Menge entdecken kann – insofern er nicht nur aus der Steckdose, sondern auch aus Zeilen fließt.

Zunächst soll dabei – mehr oder weniger – chronologisch und kursorisch vorgegangen werden: Begonnen wird mit dem Take-off des wissenschaftlichen Zeitalters im 18. Jahrhundert. Anschließend folgt ein Blick auf die literarisch-energetische Seite der Industrialisierung des 19. und die ‚Petrofiction‘ des 20. Jahrhunderts. Angelangt wird bei den ‚Renewable-Storys‘ unserer Gegenwart und einigen visionären Blüten der Energiewende: Der „Solarpunk“ wirft Blicke in die Zukunft…

Über Zeiträume hinweg haben die Themen Energie und Elektrizität mit hoher Frequenz literarische Resonanzen erzeugt und ein ganz eigenes Netz ausgebaut – werfen wir einen Blick hinein!

Take-off – Das Große Experimentieren

Der literarische und kulturelle Take-off der elektrischen Energie lässt sich mit zwei Worten beschreiben: Experiment und Romantik! Dies wirft zumindest zwei Fragen auf. Erstens: kannte man das Phänomen nicht schon weitaus früher? Zweitens: Ist die Romantik nicht eine Zeit, die sich eher skeptisch auf Fortschritt und wissenschaftliche Aufklärung bezog? Die erste Frage ist zu bejahen: Schon die alten Griechen kannten die elektrostatische Aufladung, die sie mit Bernsteinen erzeugten. Aus dieser Zeit stammt das Wort elektron, mit dem die Griechen nichts anderes als den sonnengelben Bernstein bezeichneten. Und natürlich kannte man darüber hinaus Blitze und die berüchtigten Zitteraale. Die große Zeit der wissenschaftlichen Entdeckung der Elektrizität beginnt aber weit später und fällt insbesondere in die Jahrzehnte nach 1750. Ein markantes Datum ist das Jahr 1790, in dem Allessandro Volta (1745-1827) und Luigi Galvani (1737-1798) entdeckten, dass man mit elektrischen Ladungen Froschschenkel in Bewegung versetzen kann.

Frage zwei nach den Merkmalen der Romantik muss man wohl eher mit Nein beantworten: Die Romantiker waren eifrige Naturforscher und Galvanis Frosch-Experimente hatten an dieser Konjunktur einigen Anteil: Die Wirkung von Elektrizität an Lebewesen zu beobachten ließ der schwindelerregenden Vermutung Raum, dass man auf das Geheimnis des Lebens gestoßen war. Ist der elektrische Strom das Leben selbst? Ist er die Lebenskraft und ist folglich der Tod nichts anderes als ein individueller Stromausfall? Dieses Rätsel trieb die Romantiker um und sie begannen, im großen Stile zu experimentieren. Wobei diese Experimente zum Teil wie kulturelle Veranstaltungen vonstattengehen konnten: Ausgerichtet wurden sie nicht selten von betuchten Abendgesellschaften, die das Spektakuläre suchten. Hinzugefügt werden muss außerdem, dass dies eine Zeit vor bzw. am Beginn der Herausbildung der Fachwissenschaften ist: Häufig ist Elektrizität in dieser Phase noch ein Gegenstand in den Händen von Forschenden, die im Modell einer universellen Gelehrsamkeit arbeiteten ­– die also Philosophen, Naturforscher auf unterschiedlichsten Gebieten, Literaten und zudem auch noch Politiker oder Diplomaten sein konnten.

 

Elektrizität erscheint zu dieser Zeit in einer besonderen Praxis: dem Experiment. Galvani wurde schon erwähnt. Ein zweiter berühmter Name ist Johann Wilhelm Ritter (1776-1810). Der Strom-Pionier forschte in Jena und ging in seiner Leidenschaft für die new science sehr weit – oder besser gesagt – zu weit. Ritter vergrub sich tagelang in seinem Labor, arbeitete manisch, nahm massenweise Alkohol und Aufputschmittel zu sich, vernachlässigte seine Familie und gab seine gesamten Ersparnisse für Experimente und Labortechnik aus. Vor allem aber trieb er die Idee des Experiments auf die Spitze: Er setzte sich selbst unter Strom, legte ihn (unter anderem) an Hände, Zunge und Augen an, um die Auswirkungen verschiedener Ladungen zu erkunden. Er starb jung, auch in Folge seiner extremen Arbeitsweise. Dabei hat er auch ein technisches Artefakt erfunden, das in unserer Energiewende-Gegenwart wieder ins Zentrum der Forschung gerückt ist: den Akku.

 

Ritter war eher ein genialer Autodidakt, der sich schnell hohe wissenschaftliche Anerkennung erwarb: Etwa von Alexander von Humboldt, Goethe und Novalis. (Nebenbei bemerkt: Mitteldeutschland war definitiv das frühe Zentrum in Sachen Elektrizität.) Besonders Novalis haben die Ideen und Entdeckungen seines Freundes Ritter inspiriert. Er kleidete seine Bewunderung für den Ausnahmeforscher einmal in ein schönes Wortspiel: „Ritter ist Ritter, und wir sind nur Knappen“.

 

Novalis (1772-1801) ist einer von den zahlreichen Autoren dieser Zeit, die das neu entdeckte Phänomen aus den Experimenten und Laboren in die Literatur überführten. So findet sich in seinem berühmtesten Text, dem Roman Heinrich von Ofterdingen, die Figur Klingsohr, die bei einem gesellig-feierlichen Abend und im Fluss von Erzählungen und Getränken die Idee in den Raum stellt, dass Elektrizität jene alles durchdringende Lebenskraft ist. In seiner Erzählung kommen Gold und Eisen bzw. Zink zum Einsatz, um mittels einer galvanischen Reaktion eine Reihe elektrisch gestützter Wiederbelebungen durchzuführen. So beim Riesen Atlas: Als die Kette geschlossen wird, „zuckte ein Blitz des Lebens ihm in allen Muskeln. Er schlug die Augen auf und hob sich rüstig empor“. Ähnlich ergeht es Prinzessin Freya, auch sie wird mittels galvanischen Know-hows wiedererweckt: „Plötzlich geschah ein gewaltiger Schlag. Ein heller Funken fuhr von der Prinzessin“. Auch wenn im Fall Freyas noch ein Kuss des Helden von Nöten ist, um die Wiederbelebung abzuschließen, allzu weit hergeholt wäre hier der Gedanke nicht, in diesen Szenen eine Art historischer science fiction zu sehen: Etwa einen Vorläufer jener medizinischen Notfallversorgung, die heute jede und jeder zumindest aus Filmen kennt: den Defibrillator, einen Strom basierten Schockgeber, der Herzen wieder zum Schlagen bringt.

 

Dabei ist Klingsohrs Erzählung ein Kunstmärchen voller komplexer Anspielungen und verstiegener Metaphern. Es ist ein Text, dessen starker allegorischer Aufladung nicht unbedingt leicht zu folgen ist, aber gerade dadurch zeigt sich exemplarisch, wie die Elektrizität zu dieser Zeit den literarischen Höhenkamm durchfuhr. Jean Paul, ETA Hoffmann, Achim von Arnim, Kleist und Goethe – die erste Riege der Autoren jener sogenannten Genieepoche war ein Tummelplatz elektrischer Ladungen.

 

Nochmals Goethe: 1825, bereits sechsundsiebzigjährig, verfasst der Dichter den Versuch einer Witterungslehre. Darin findet sich der folgende schwelgerische Gedanke: Die Elektrizität „ist das durchgehende allgegenwärtige Element, das alles materielle Dasein begleitet und ebenso das atmosphärische; man kann sie sich unbefangen als Weltseele denken.“ Bemerkenswert an dem Panorama-Blick, den dieses Zitat auf die Elektrizität wirft, ist zumindest zweierlei: Erstens bringt er die Energie in eine Verbindung mit atmosphärischen Kräften und Witterungsphänomenen wie Wind und Wasser, womit er recht nahe bei jenen ‚verdünnten‘, aber nahezu überall anzutreffenden Energien ist, die von der aktuellen Energiewende wiederentdeckt werden. Zweitens merkt man dem beflügelten Ton an, dass Elektrizität ein noch zu entdeckendes Phänomen ist. Hier zeigt sich deutlich der Kontrast zu unserer Gegenwart: Elektrizität ist allerorten und universell, aber doch alles andere als selbstverständlich.

 

Prägnante Handlungsmaximen für den heutigen, möglichst effektiven und nachhaltigen Umgang mit der elektrischen Energie ließen sich aus diesem Blick über der Zeitalter hinweg nur mit einiger Mühe ableiten. Eines aber zeigt dieser Blick aus der Distanz mit großer Deutlichkeit: Er zeigt, wie variabel und facettenreich unser Umgang mit der Ressource ist. Elektrizität und Energie sind keine Phänomene, deren Einsatzfelder und Bedeutungen feststehen, sondern sie verändern sich mit unseren Technologien, Gewohnheiten und Wertschätzungen.

 

 

 

Literatur

  • Johann Wilhelm Ritter, Fragmente aus dem Nachlasse eines jungen Physikers, hg. v. Steffen u. Birgit Dietzsch, Verlag Müller & Kiepenheuer, Hanau 1984.
  • Novalis, Heinrich von Ofterdingen, 1800, beliebige Ausgabe.
  • Johann Wolfgang v. Goethe, „Versuch einer Witterungslehre“, in: Goethes nachgelassene Werke, Cottasche Buchhandlung, Tübingen u. Stuttgart 1834, S. 247-282.

 

 

 

Empfehlungen aus der Forschung

  • Michael Gamper, Elektropoetologie. Fiktionen der Elektrizität 1740-1870, Wallstein-Verlag, Göttingen 2009.
  • Jürgen Daiber, Experimentalphysik des Geistes. Novalis und das romantische Experiment, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001.
  • Katrin Schumacher, „Der ‚wunderbare Sinn‘ zwischen Experiment und Text. Anmerkungen zur Organisation eines Feldes der Un-/Sichtbarkeiten um 1800“, in: Aurora. Jahrbuch der Eichendorff-Gesellschaft (Naturwissen und Poesie in der Romantik), Bd. 64, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2004, S. 1-20.
  • Bernhard Siegert, „Currents und Currency. Elektrizität, Ökonomie und Ideenumlauf um 1800“, in: Jürgen Barkhoff (u.a.) Netzwerke. Eine Kulturtechnik der Moderne, Böhlau Verlag, Köln 2004, S. 53-68.

„In diesem verschleierten Licht…“ – Energien der Industrialisierung

Elektrisieren und Experimentieren: Das 18. Jahrhundert – es tastete sich an die rätselhafte ‚Lebenskraft‘ Elektrizität heran und brachte sie in philosophische und künstlerische Entwürfe ein. Abgesehen aber von einigen medizinischen Einsatzgebieten war elektrischer Strom keine Energie für Nutzanwendungen; und abgesehen vom Unterhaltungssektor, also den Schauspielen und Spektakeln der Elektrizität, auch keine Sache kommerzieller Verwertung.

Das 19. Jahrhundert wird dieses provisorische Herangehen hinter sich lassen. Die Industrialisierung entdeckt das Phänomen, sie wird es in ihre technischen Prozesse einbringen und mit einer Intensität bewerben und vermarkten, die auch heute noch staunen lässt. Erstmals tauchen dann auch die uns heute allen vertrauten Vokabeln auf: Kraft- und Elektrizitätswerk, Generator, Dynamo… Elektrische Energie ist auch im 19. Jahrhundert noch keineswegs selbstverständlich, aber der Prozess, in dem sie zu einer kulturellen Akteurin wird, verläuft rasant. War sie im 18. Jahrhundert eine spekulative Größe, wird sie im neunzehnten zu einer ingenieurtechnischen; durchzog sie früher bevorzugt die Höhen der Metaphysik, holt sie das 19. Jahrhundert erstmals in die Fläche: Mit elektrischen Leitungen – erst für Telegramme, später auch für Hochspannung. Am 25. August 1891 bildet die erste Drehstromübertragung über 175 Kilometer von Lauffen nach Frankfurt ein zentrales Ereignis für den beispiellosen, von der Ingenieurkultur getragenen Optimismus.

 

Wo elektrische Energie fließt, beginnt die ‚Neue Zeit‘, lassen sich Fortschritt und Zukunft gestalten. Oder kürzer: Elektrizität ist Modernität.

 

Bevor sich diese Idee aber Gehör verschafft, wird ein anderes Energiesystem die gesellschaftlichen Debatten dominieren und die literarischen Einbildungskräfte in Gang setzen: die durch Kohlefeuer erzeugte Dampfkraft. Das Sinnbild dieses Energiewandels entnimmt man traditionsbewusst der Antike – es ist Prometheus, also diejenige mythische und literarische Figur des ‚Feuerbringers‘, dem die Menschen völlig neue Lebens- und Gestaltungsmöglichkeiten zu verdanken hatten. Erfahrbar wird der Wandel vielerorts, am deutlichsten aber zeigt sich die Verbreitung der neuen Technik im Bereich des Verkehrs und seiner Infrastrukturen: Dampfschiffe und Dampfeisenbahnen erschließen den Raum, sie drängen in die Landschaften, Städte und die Erzählungen. Das heißt: Auch die Heldinnen und Helden aus der Literatur des 19. Jahrhunderts sind der Beschleunigung ausgesetzt. Mit großer Sicherheit trifft man sie in den modernen Transportmitteln an; es wird viel und immer schneller gereist. Dass die fossile Kultur dabei bereits an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt, zeigt einer der großen Visionäre der Dampfepoche: In Jules Vernes (1828-1905) In 80 Tagen um die Welt von 1873 verheizt der notorisch in Eile reisende Phileas Fogg auf Grund dramatischen Kohlemangels große Teile seines hölzernen Dampfschiffs, um noch über den Atlantik und pünktlich nach London zu gelangen.

 

Das vielleicht monumentalste künstlerische Zeugnis jener Energie- und Verkehrswende in die fossile Epoche hinein stammt aber aus der Malerei: In entfesselten Farbenergien setzt der englische Maler William Turner (1775-1851) die letzte Wegstrecke der „Fighting Temeraire“ ins Bild. Der Großsegler HMS Temeraire (das Kürzel HMS steht für „Her oder His Majesty‘s Ship“) war ein stolzer Dreimaster, der in der Schlacht um Trafalgar 1805 große Berühmtheit erlangt hat. Nun wird er von einem wesentlich kleineren, namentlich unbekannten und weitaus weniger erhabeneren Dampfboot die Themse hinauf zum Abwracken geschleppt. Es sind die letzten Meter dieser eleganten Windkraftanlage, ins Bild gesetzt vor einem rotglühenden, energetisch aufgeladenen Himmel. Der französische Wissenschaftshistoriker und Philosoph Michel Serres hat dieser Turnerschen Szene einen ebenso schönen wie instruktiven Text gewidmet. Unter dem Titel Turner übersetzt Carnot schlägt Serres hier eine Brücke zwischen Kunst und Physik: William Turner, der frühimpressionistische Maler und Sadi Carnot (1796-1832), der Physiker der Wärmekraftmaschinen – beide zeigt Michel Serres als Akteure der Epoche der Thermodynamik, weil jeweils nicht mehr die Beziehungen formstabiler Gegenstände, sondern Intensitäten und das rege Treiben umrissloser Phänomene (wie Dampf und Wolken) in den Blick rücken.

 

Im Jahr 2005 wurde Turners Bild übrigens im Rahmen einer BBC Umfrage zu „Britains greatest painting“ gekürt, womit sich en passant auch zeigt, wie zentral die Position ist, die den Energiethemen im nationalen kulturellen Gedächtnis zukommt. Davon zeugt ein weiteres aktuelles Aufblitzen von Turners Bild: 2008 verlieh es der James Bond-Reihe einen Schuss kunsthistorischer Eleganz. In Skyfall sitzen der etwas abgehalfterte Kraftprotz Bond (Daniel Craig) und der smarte Tüftler Q (Ben Whishaw) auf einer Museumsbank in der Londoner National Gallery, vor ihnen Turners Bild. Die Fighting Temeraire kommt nun wiederum als Fingerzeig auf einen Zeiten- und Energiewandel ins Spiel, allerdings ist es diesmal die explosive Kampfmaschine Bond, um die herum es etwas einsam geworden ist, während der feingliedrige Q den Agentenjob längst mit vernetzten und intelligenten Energien vollführt. Die Epoche digitalisierter Energien steht auch hier – On Her Majesty’s Secret Service – vor der Tür.

 

Aber zurück zu den alten Energien, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts die neuen waren und als die Garanten des Fortschritts angesehen wurden. Als die Euphorie der ‚Vermählung von Wasser und Feuer‘ die Literatur erfasste, brachte sie so bemerkenswerte Zeugnisse wie Technik- oder Maschinengedichte hervor. Zu nennen ist hier etwa Theodor Fontanes (1819-1898) vierstrophiges, in stampfenden Kreuzreimen abgefasstes Gedicht Junker Dampf, das 1843 in der Zeitschrift Die Eisenbahn erschien. Wie der Titel mutet auch das Gedicht heute etwas kurios an. Es handelt von den neuen Kräften, die erst in gezähmter und domestizierter Form – also mit dem Einsatz von Technik, oder, wie Fontane sagt, im „Kerkerkessel“ – ihr Potential entfalten und dann zum Beispiel als Lokomotiven zum mobilen Einsatz kommen können. Hier die vierte Strophe aus Junker Dampf:

 

 

Und so, trotz eh’rner Fessel

 

An Füßen noch und Hand,

 

Reißt er den Kerkerkessel

 

Im Fluge mit durch’s Land,

 

Reißt ganze Häuserreihen

 

Mit fort, wie Wirbelwind,

 

Bis wieder er im Freien

 

Nichts als, – ein spielend Kind.

 

Eine ästhetisches Revival erfährt diese Kultur von Feuer, Dampf, Nieten und Röhren aktuell in den neo-viktorianischen Bilder- und Modewelten des sogenannten Steampunk. ­– Ein Phänomen, das von dieser Stelle, also vom zweiten solaren Zeitalter aus betrachtet, die fossile Epoche bereits auf beträchtliche historische Distanz bringt, da sie nun schon ‚im Kostüm‘, als halb-skurrile, halb-verklärte Romantisierung erscheint. Ein anderer Dichter, Heinrich Heine (1797-1856), weilt in Paris, als sich die dampfgetriebene Verkehrswende vollzieht. Er beschreibt sie 1843 – im selben Jahr wie Fontane – im Rahmen seiner Lutetia-Berichte über Politik, Kunst und Volksleben für die Augsburger Allgemeine Zeitung mit den folgenden Worten:

 

Die Eröffnung der beiden neuen Eisenbahnen, wovon die eine nach Orléans, die andere nach Rouen führt, verursacht hier eine Erschütterung, die jeder mitempfindet […]. Die ganze Bevölkerung von Paris bildet in diesem Augenblick gleichsam eine Kette, wo einer dem andern den elektrischen Schlag mitteilt.

 

Wie zu sehen ist, eignet sich der Text auch Begriffe aus dem Bereich der elektrischen Phänomene an. Eine solche Metaphorik dient dazu, das Bild einer Epochenschwelle entstehen zu lassen und dabei durchaus ambivalente Empfindungen und Gedanken hervorzurufen. Energiewandel ist nach Heinrich Heine Zeitenwandel:

 

Wir merken bloß, daß unsre ganze Existenz in neue Gleise fortgerissen, fortgeschleudert wird, daß neue Verhältnisse, Freuden und Drangsale uns erwarten, und das Unbekannte übt seinen schauerlichen Reiz, verlockend und zugleich beängstigend. So muß unsern Vätern zumut gewesen sein, als Amerika entdeckt wurde, als die Erfindung des Pulvers sich durch ihre ersten Schüsse ankündigte, als die Buchdruckerei die ersten Aushängebogen des göttlichen Wortes in die Welt schickte.

 

Ruß engl. soot. – Historisch nüchtern betrachtet war die Epoche der Kohle betriebenen Industrialisierung eine dunkle Zeit: Dunkel hinsichtlich des Elends breiter Bevölkerungsteile in den Industriestädten und ihrer heute unvorstellbaren Arbeits- und Lebensbedingungen. Dunkel aber auch im wörtlichen Sinne, hinsichtlich des rußverschleierten natürlichen Lichts. So berichtet der Eisenbahn- und England-Reisende Alexis de Tocqueville (1805-1859) über seine Visite in Manchester.

 

Ein dichter, schwarzer Qualm liegt über der Stadt. Durch ihn hindurch scheint die Sonne als Scheibe ohne Strahlen. In diesem verschleierten Licht bewegen sich unablässig dreihunderttausend menschliche Wesen. Tausende Geräusche ertönen unablässig in diesem feuchten und finsteren Labyrinth.

 

Dieser Ruß aus den Industrieschornsteinen lässt sich heute noch in Bohrkernen von Alpengletschern finden und wie man seit langem weiß, reagierte auch die ‚historische‘ Umwelt bereits in markanter Form, nämlich in ihren evolutionären Farbentwicklungen, auf die Luftveränderungen und das stete Halbdunkel der Industrialisierung. Der sogenannte Industriemelanismus bezeichnet eine eindrückliche Veränderung vor allem in der Population der Birkenspanner, einer Nachtfalterart, deren Anteil an hellen Exemplaren in den verrußten Industrieregionen Englands im 19. Jahrhunderts stark zurückging. Im Gegenzug verbreiteten sich nun die dunkleren Tiere, die auf den geschwärzten Oberflächen ihres Habitats eine weit bessere Tarnung fanden. Es werden nicht zuletzt die massiven Einflüsse auf Umwelten und Lebensräume sein, die im späteren 19. Jahrhundert zu weitreichenden Überlegungen über alternative Energien führen und dabei eine bekannte Akteurin wieder auf den Plan rufen: die Elektrizität.

 

 

 

Literatur

  • Jules Vernes, In 80 Tagen um die Welt, 1873 (beliebige Ausgabe).
  • Michel Serres, „Turner übersetzt Carnot“, in: Ders., Über Malerei, aus dem Französischen v. Michael Bischoff, Merve-Verlag, Berlin 1992, S. 89-109.
  • Theodor Fontane, Junker Dampf, 1843 (beliebige Ausgabe).
  • Heinrich Heine, „Lutetia“, 2. Teil, LVII, 5. Mai 1843, in: Ders., Sämtliche Werke, 6. Band, Vermischte Schriften, II Abteilung, John Weiß-Verlag, Philadelphia 1856. Außerdem: http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/lutetia57.shtml
  • Alexis de Tocqueville, „Notizen über eine Reise nach England“ (1835), in: Wilhelm Treue u.a., Quellen zur Geschichte der industriellen Revolution, Musterschmidt-Verlag, Göttingen 1966, S. 128.

 

 

 

Empfehlungen aus der Forschung

  • Christoph Asendorf, Batterien der Lebenskraft. Zur Geschichte der Dinge und ihrer Wahrnehmung im 19. Jahrhundert, Anabas Verlag Gießen 1884 (zgl. Weimar, Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften 2002).
  • Michel Serres, Hermes III. Übersetzung, übers. v. Michael Bischoff, Merve Verlag, Berlin 1992.
  • Prometheus. Menschen, Bilder, Visionen, Eine Gemeinschaftsproduktion des Deutschen Historischen Museums, Berlin, und der Stiftung Industriekultur, Völklingen Saarland, Dokumentation, hg. v. Rosmarie Beier 1998.
  • Philipp Frank, Theodor Fontane und die Technik, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2005.
  • Götz Großklaus, Heinrich Heine. Der Dichter der Modernität, Wilhelm Fink Verlag, München 2013.

Lichtfluten

Eine nicht enden wollende Aufzählung käme heraus, würde man die mannigfaltigen Anwendungen der Elektrizität und ihre künstlerischen Zeugnisse gegen Ende des 19. Jahrhunderts sammeln und anführen wollen. Sie ist die große und raumgreifende Innovation dieser Zeit, sie schafft neue Bilder und Ansichten, vor allem weil sie in erster Linie als Licht in Erscheinung tritt. Das elektrische Licht beginnt die Gestalt von Straßen und Städten zu verändern: Lichtreklamen, Straßenbeleuchtungen und hellere Innenbeleuchtungen etwa in Kaufhäusern und Restaurants verbreiten sich. Zunächst ist diese neue Energie eine Sache derer, die sie sich leisten können.

So erzählt der französische Romancier Marcel Proust (1871-1922) von einem Sommer in einem der mondänen Küstenorte der Normandie. Balbec lautet der Name des Orts in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, als Vorlage diente ihm die reale Küstenstadt Carbourg, mit ihrem etwas zu groß anmutenden Grandhotel und einer Strandpromenade, die dunstig-impressionistische Ansichten auf den Ärmelkanal freigibt. Mitunter wendet der Erzähler des Romans den Blick aber nicht auf das Meer und seine mit den Witterungen und Tageszeiten wechselnde Erscheinung, sondern landeinwärts. Einmal zeigen sich so die in elektrisches Licht getauchten Szenen im abendlichen Hotelrestaurant. Dabei geraten der Speisesaal und das gesellschaftliche Leben darin – nicht ohne Spott und Groteske ­– zu einem großbürgerlich-luxuriösen Aquarium. Die Elektrizität lässt im Saal „Lichtfluten“ aufsteigen: „Der wurde dann ein wunderbares Riesenaquarium und vor seiner Glaswand versammelte sich, im Schatten unsichtbar, die Arbeiterbevölkerung von Balbec, Fischer und Kleinbürgerfamilien, und sah, an die Scheiben gedrückt, das luxuriöse Leben derer da drinnen auf sanft kräuselnde Wogen von Gold gewiegt.“

 

Das Eigentümliche an der Innovation Elektrizität ist aber, dass schon recht bald nach ihrer Einführung ihr geradezu demokratischer und gemeinschaftlicher Charakter erkannt wird. Dies geht auf elementare physikalische und technische Eigenschaften zurück: Der elektrische Strom, genauer der Wechselstrom, lässt sich relativ leicht aufteilen, weiterleiten und verbreiten. Zum Strom gehört, dass er fließt – nicht in geschlossene „Aquarien“, sondern in den offenen Raum, das heißt in aufgefächerte und sich verzweigende Netze. Besonders wegen dieser Eigenschaften wird die elektrische Energie als Alternative zur äußerst immobilen und statischen Dampfkraft erkannt. Der Stern der kohlebetriebenen Dampfmaschinen war, nach dem euphorischen Beginn im früheren Jahrhundert, schnell wieder gesunken. Beklagt wurde vor allem ein technischer Nachteil: Abgesehen von Transmissionswellen war keine Verteilung möglich. Der Raum der Dampfkraft war im Prinzip der Produktionsraum. Die Zeitzeugen beschrieben die hochkonzentrierte Kraft folglich als ein Vehikel im Besitz Weniger; der Ausbeutungscharakter der frühen Industrialisierung war also bereits in diesen technischen Infrastrukturen angelegt.

 

Der zweite Nachteil: die schon erwähnte Verschmutzung – das späte 19. Jahrhundert hatte genug von Rauch und Ruß.

 

Elektrizität als saubere und dezentrale Energie steht demgegenüber für eine Energiewende und den Weg in eine zweite, schonendere Industrialisierungsphase. Beim Blick auf diesen historischen Innovationsprozess fallen Ähnlichkeiten mit unserer Gegenwart ins Auge, sind doch Eigenschaften benannt, die auch die aktuelle Energiewende für sich reklamiert. Dass die erneuerbaren Energien (gerade im Vergleich zur Kohle) sauberer sind, liegt auf der Hand; dass aber auch das Konzept der Dezentralität eine Renaissance erlebt, ist bemerkenswert. Heute sind damit die Produktion und Einspeisung von Strom durch viele kleine, im Raum verteilte Anlagen gemeint. Damals entdeckte man die Vorteile der Dezentralisierung am anderen Ende der Verteilungskette: Es ging um eine breite und erschwingliche Stromversorgung und -nutzung, zum Beispiel um die Möglichkeit, Elektromotoren in kleineren Werkstätten zu betreiben, wodurch sich dem Handwerk bessere Chancen in der harten Konkurrenz zu den zentralisierten dampfbetriebenen Großbetrieben boten. Beide Energiewenden sind historisch ganz unterschiedlich gelagert, auffällig ist aber doch, dass saubere und innovative Energie beide Male – damals wie heute – keine exklusive Sache ist, sondern eine Art Gemeinschaftsunternehmen bildet, in dem sich ein demokratischer und zivilgesellschaftlicher Projektgeist manifestiert.

 

Eine andere Frage bleibt indes, aus welchen Quellen und in welchen Kraftwerken der Strom um 1900 letztlich produziert wurde. Hier ging man relativ schnell zur Kohleverstromung über und stellte damit die Weichen in das zentralistische Energiesystem des 20. Jahrhunderts. Allerdings gab es auch eine Pionierphase, in der vor allem mit Wasserkraft geplant und experimentiert wurde. Bei den Zeitgenossen finden sich also durchaus Überlegungen, Ökostrom zu nutzen: Die Flüsse der Alpen etwa sind (dies gilt für Oskar von Miller – wir kommen auf ihn zurück…) die Energielieferanten, die Wechselstrom ins deutsche Flachland fließen lassen. Damit ist die Idee des grünen Stroms fast ein Jahrhundert älter als man meinen könnte.

 

Demokratisch, dezentral, sauber – mit diesen Akzenten wurde die Elektrizität zur Antriebskraft einer schonenden Modernisierung. Auffällig ist die symbolische Seite dieses Projekts, denn sie wird offensiv mit femininen Bildern und Allegorien ausgestattet. Als erstes zu nennen ist eine Figur, deren Ahnenreihe in die Sphäre der Märchen zurückläuft. Ihren Namen übernimmt man aus dem Französischen: La fée électricité – hier, in der Feen-Gestalt, bündeln sich zum einen das Geheimnisvolle des elektrischen Stroms, sein schneller, den Raum im Nu durchquerender Fluss; zum andern die Fortschrittsversprechen und Hoffnungen auf eine entbehrungsfreie und lebenswertere Zukunft. Für die vielzähligen allegorischen Figuren jener Energiewende, die zum Beispiel auf Plakaten und Frontispizen erscheinen, gibt die fée électricité das Musterbild vor: Es sind allesamt Heldinnen in edler, leuchtender und idealisierter Erscheinung. Zum Einsatz kamen sie häufig als Werbefiguren für Elektrizitätsausstellungen oder Elektrifizierungsprojekte, woran man en passant erkennt, dass der elektrische Strom bereits Warencharakter angenommen hat.

 

Nicht selten erscheint die Elektrizität dabei in einer Art antagonistischem Duett, nämlich in Gegenüber- oder besser Frontstellung zu Prometheus, ihrem männlichen, den Dampf verkörpernden Widerpart. Er tritt dabei zumeist in kompakt-maskulinen, zugleich aber defensiven und groben Zügen auf. Ein weiterer Ausdruck dafür, dass man dieses Energiesystem bereits der Vergangenheit zuschreibt und seinen zu hohen gesellschaftlichen und ökologischen Preis erkannt hat.

 

Diesen Preis taxiert auch nochmals die Literatur: Zum Spätwerk von Émile Zola (1840-1902), einem der großen französischen Realisten des 19. Jahrhunderts, zählt ein Roman mit dem prosaisch-nüchternen Titel Arbeit (Travail). Den düsteren Schauplatz der Erzählung bildet ein Stahlwerk, das den Namen abyme trägt, was sich mit ‚Abgrund‘ oder, wie in der deutschen Fassung von Leopold Rosenzweig, noch drastischer mit ‚Hölle‘ übersetzen lässt. Ins Bild gerückt sind damit zum einen die Glut und das Fauchen der Hochöfen und Dampfanlagen, zum anderen die elenden Lebensbedingen derer, die dort arbeiten und ihr alltägliches Dasein bestreiten müssen. Die Arbeit, so eine der zentralen Thesen Zolas, wird unter derartigen Bedingungen korrumpiert, sie trägt keine gemeinschaftsdienlichen oder demokratischen Aspekte und verhilft denjenigen, die sie leisten, nicht zu einer freieren Existenz. Wenn man so will, behandelt Zola ein Paradox: Arbeit ist hier nicht mehr die Basis der Kultur, sondern führt zu deren Auflösung. Auffällig sind in diesem Zusammenhang die stete Aggressivität und der allgegenwärtige Alkoholismus, die direkte Folgen der Arbeitsumstände sind. Über den Stahlarbeiter Fauchard heißt es etwa: „Seine Ration waren vier Liter Wein für den Arbeitstag oder die Nacht, und er sagte, daß das gerade hinreichte, um ihm den Körper anzufeuchten, so dörrte ihm die Glut des Ofens das Wasser und das Blut aus dem Leibe“.

 

Lichtere und durchaus utopische Züge nimmt die Erzählung allerdings mit dem Helden Lucas Fremont an, einem Ingenieur, der durch den klugen Einsatz von Elektrizität die Arbeiterstadt in einen modernen und lebenswerten Standort verwandelt. Festhalten muss man, dass hier ordentlich in Schwarz-Weiß gemalt wird. Historisch markant ist aber in jedem Fall, dass eine neue Figur kulturell und literarisch an Prominenz gewinnt: der Ingenieur, der den Fortschritt verkörpert und einen durchaus heroischen gesellschaftlichen Auftrag wahrnimmt. Bei Zola erscheint jener Lucas Fremont als junger Mann von fünfundzwanzig, den Roman verlassen wird er nach etwa sechshundert Buchseiten im hohen Lebensalter und auf ein geglücktes Lebenswerk zurückblickend. Vor Ort ins Werk gesetzt hat er eine Energiewende, mit der sich auch die Bedeutung der Arbeit wendete, da sie ihre gemeinschaftlichen Potentiale entfalten konnte.

 

 

 

Literatur

  • Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, übers. v. Eva Rechel-Mertens, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
  • Émile Zola, Arbeit, übers. v. Leopold Rosenzweig, Verlag Th. Knaur, Berlin 1928.

 

 

 

Empfehlungen aus der Forschung

  • Ulrike Sprenger, Proust-ABC, Reclam Verlag, Leipzig 1997.
  • Imke Buck, Der späte Zola als politischer Schriftsteller seiner Zeit, Mateo-Monographien Bd. 27, Mannheim 2003. www2.uni-mannheim.de/mateo/verlag/diss/buck/buck.pdf
  • Klaus Plitzner, Elektrizität in der Geistesgeschichte, Verlag für Geschichte der Naturwissenschaft und Technik, Bassum 1998. Darin insbesondere: Ulrike Felber, „La fée électricité. Visionen einer Technik“, S. 105-121.
  • Rolf Spilker (Hg.), Unbedingt modern sein. Elektrizität und Zeitgeist um 1900, Rasch Verlag, Osnabrück 2001. Darin insbesondere: Jürgen Steen, „Die fée électricité trifft Prometheus – Die internationale Elektrotechnische Ausstellung 1891 und die ‚Neue Zeit‘“, S. 34-49.

Türme und Blitze

Die Story ist ein wenig wirr und – ja ­– auch etwas an den Haaren herbeigezogen, aber sie verursacht große Lesefreude: Das Paris unserer Gegenwart, zwei Geheimagenten verfolgen den Plan, die nordkoreanische Diktatur zu destabilisieren, dabei schwebt ihnen aber nicht ruppiges Agentenhandwerk vor. Die Beiden halten sich für weitaus cleverer, ­sie denken an die Auflösung der Hierarchien mittels der soften aber anarchischen Energien von Amüsement und musikalischer Zerstreuung. Die Geheimwaffe in diesem Einsatz ist ein berühmter französischer Schlager oder besser gesagt dessen Interpretin, die auch in Nordkorea scharenweise Fans hat. Der Westen bringt also die Waffe der Unterhaltung in Position und stiftet damit einige Verwirrung.

Diese Geschichte, die man sich, nicht zuletzt ihrer satirischen Töne wegen, wunderbar vom Monty Python-Kollektiv verfilmt vorstellen könnte, stammt aus der Feder des französischen Autors Jean Echenoz (1947*). 2016 veröffentlichte er den Roman Unsere Frau in Pjöngjang. Gemeint ist damit jene Chansoniere, deren Name Constance, die ‚Beständige‘, vor allem ihrer Unerschrockenheit wegen durchaus Programm ist. Zu ihrer eher un- oder halbfreiwilligen Umschulung von der Sängerin zur Agentin gehört ein längerer Aufenthalt in einem der südlichen Departements Frankreichs, unter anderem an diesem recht besonderen Ort:

 

Am nächsten Morgen konnte Constance dank der Rundumverglasung einen weiten Panoramablick, mehr als 180°, über eine Landschaft genießen […]. In regelmäßigen Abständen wurde der Blick auf diese Landschaft flüchtig durch eine Art vorbeihuschender Nadeln oder Ruder unterbrochen, bis sie begriff, dass es sich um Flügel eines enormen Propellers handelte und sie folglich die Kanzel eines Windrades bewohnte, ganz oben in einem solchen Gerät, wie man sie manchmal fern auf dem Lande sieht, aus dem vorbeifahrenden Wagen. Wer hätte gedacht, dass die jüngsten Modelle neben ihrer Funktion, Wind in Energie zu verwandeln, auch – nun gut, sehr rudimentär – zu Wohnzwecken dienen konnten.

 

Auffällig ist nun, dass diese Szene auf dem Turm und in der Windradkuppel zur Handlung kaum etwas beiträgt. Genau betrachtet ist eher das Gegenteil der Fall, die Handlung macht hier eine Pause und dreht sozusagen eine kurze Extrarunde. Der Blick aus dem Turm ist also dramatischer Leerlauf, ein poetisches Surplus. Gerade dadurch markiert es aber im Text eine herausgehobene Stelle, einen besonderen Ort, der nach dem Lesen durchaus länger im Gedächtnis bleiben könnte, als der übrige Agenten-Plot. Vielleicht fuhr Jean Echenoz irgendwann übers Land, mit dem Wagen durch die lichten Gefilde der südlichen Departements und dachte sich, dass man die aktuellen Energiearchitekturen einmal mit der lange zurückreichenden Symbolgeschichte und Ikonographie der Turmbauten verknüpfen müsste. Vielleicht ließe sich damit ja ein wenig schriftstellerisch herumspielen und an die Eremitagen, Elfenbeintürme oder an das Rapunzel-Motiv erinnern… Wie dem auch sei, die Passage demonstriert nicht zuletzt in ihrer Verspieltheit, dass Architekturen, und insbesondere Turmarchitekturen, mit den Einbildungskräften und Bildern der Künste in regen Resonanzen stehen. Derweil ist das Energieinteresse von Jean Echenoz doch weitaus ausgeprägter, allerdings an anderer Stelle seines Werks. Gehen wir also weiter, wieder runter vom Turm.

 

2006, in einem Roman mit dem schnellen Titel Blitze, verfolgt Echenoz die Biographie eines kroatischen Auswanderers und steigt damit zugleich tief in die Energiegeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein, die jener Auswanderer, in den USA angekommen, maßgeblich prägen wird. Gregor heißt sein Held und wächst als Pfarrerskind in einer winzigen Gemeinde in den kroatischen Bergen auf. Er zeigt sich als hochbegabter Schüler, der besonders in der Welt der Zahlen und der Technik zuhause ist. Das anschließende Maschinenbaustudium in Graz und Prag verläuft aber keineswegs reibungslos. Möglicherweise äußert sich schon hier, dass der reiche Strom an Ideen, der ohne Zweifel von ihm ausgeht und bald in ersten eigenen Erfindungen Gestalt erhält, an der Gegenseite den Preis einer steten Unangepasstheit hat. Zudem treten eine Reihe wunderlicher Charakterzüge hervor, die Jean Echenoz offensichtlich Vergnügen machen und wieder mit einem Monty Python-Blick überzeichnet werden. Da zeigt sich zum Beispiel eine Reihe peinlich-kurioser Ängste vor Keimen, Bazillen, vor Schmuck, vor allem vor Perlen. Zugleich zeigt sich ein starkes Hingezogensein zu Vögeln, insbesondere zu Tauben, und ein ausgeprägter Hang zu luxuriösem Lebensstil und aufwendiger Garderobe: Tüchern, Hüten und Fingerhandschuhen, die der Reinlichkeit halber ständig gewechselt werden. Und da sind noch sein arrogantes Einzelgängertum und zugleich seine unerhörte Naivität, die juristischen und ökonomischen Belange seiner Projekte betreffend. Letzteres wird dazu führen, dass er es mit dem patentrechtlichen Schutz seiner späteren Erfindungen selten in nötigem Maß genau nimmt, was zum rasanten finanziellen Auf und Ab seiner Biographie beiträgt.

 

Gregors Weg führte über Paris nach New York. Neben vielen anderen Dingen (etwa Neonröhren oder Funk) entwickelt er das Wechselstromsystem, das bei der Elektrifizierung der USA zum Einsatz kommt. Echenoz: „Man begreift, dass es sich hier um ein sehr umfängliches Projekt handelt. Eine beträchtliche Operation. Einen Plan ohnegleichen.“ Und natürlich begreift man längst, dass es sich hier um Nicola Tesla (1856-1943) handelt, dem Jean Echenoz eine Romanbiographie gewidmet hat. Wichtig erscheinen dabei – diesem Genre entsprechend – nicht unbedingt die biographischen Details, mit denen ein sehr freier und fiktiver Umgang gepflegt wird. Eher scheint es darum zu gehen, jenes Innovationsgeschehen, das sich um 1900 und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entfaltet, in seiner immensen Schubkraft und seinem kreativen Chaos einzufangen. Und dies gelingt. An zentraler Stelle geht es dabei um den sogenannten Stromkrieg, der ab 1890 zwischen dem damaligen Tech-Magnaten George Westinghouse (1846-1914) und einem anderen Ausnahme-Erfinder dieser Zeit, Thomas Alva Edison (1847-1931), geführt wurde. Dieser war of currents entzündete sich an der Frage, welche Art Strom den Nordamerikanischen Kontinent versorgen soll. Edison favorisierte den Gleichstrom, der aber nicht auf Langstrecken übertragen werden konnte. Westinghouse hingegen setzte auf Teslas Technik des Wechselstroms, also jener Energie, die schließlich so weit entwickelt werden konnte, dass sie uns heute noch versorgt und nahezu den gesamten Globus umfasst hat.

 

In den Jahren des Stromkriegs besteht Teslas Genie nicht zuletzt darin, Ingenieurs- und Unterhaltungskunst zu verbinden, er reist durchs Land und führt die Macht der Elektrizität als Bühnenshow vor. Tesla weiß sich zu inszenieren, seine auffallende Körpergröße, er ist fast zwei Meter hochgewachsen, und seine ebenso elegante wie fotogene Erscheinung tun ihr übriges. Er ist der Mann der Blitze. Durch solche Spektakel flossen noch die Energien der romantisch-geheimnisvollen Elektrizität, mit dem Unterschied aber, dass Tesla sich auch in seiner Eigenschaft als Ingenieur präsentiert, das heißt als derjenige, der diese Macht durchschaut hat, sie beherrscht und Apparate bauen kann, um sie verlässlich zu nutzen. Auf lange Sicht aber wird ihm das unerhörte Potential, das er und die Elektrifizierung entfalten, nicht viel bringen, weil andere, allen voran Westinghouse, daran verdienen. Mit ökonomischer Naivität geschlagen verarmt Nikola Tesla im Alter und zieht sich gänzlich aus dem öffentlichen und wissenschaftlichen Leben zurück.

 

TESLA. Diese zwei schon im Klang sehr eleganten Silben sollen eine Jahrhundertwende später zum wiederholten Mal berühmt werden und wieder umkreisen sie dabei das Ereignis eines umfassenden Innovationsgeschehens. Hervorgegangen ist es aus der Erkenntnis, dass unsere Mobilität weitgehend ohne die Verbrennung fossiler Energien und die Emission von CO2 organisiert werden muss. Um das grundsätzliche Ausmaß dieses Vorhabens zu beschreiben, könnte man versucht sein, nochmal Echenoz herbei zu zitieren und seine Sätze mit ein wenig Schwung durch die Zeit und die Geschichte von Energiesystemen zu schieben: „Man begreift, dass es sich hier um ein sehr umfängliches Projekt handelt. Eine beträchtliche Operation. Einen Plan ohnegleichen.“

 

Zwei US-amerikanische Ingenieure, Martin Eberhard und Marc Tarpening, hatten 2003 die Idee, ein E-Mobil Tesla zu taufen. Es sollte bestimmte Anforderungen erfüllen: Elegant und sportlich müsse es sein, ein Roadster, das wäre zum einen gut für Gewicht und Reichweite und zum andern, um eine Käuferschicht anzusprechen, für die ein Auto mit großem Verbrennungsmotor nicht mehr nur ein ökologisches, sondern immer mehr ein ästhetisches Problem darstellt. Elon Musk stößt später finanzkräftig zum Start-Up und wird dessen Chef. Nach den luxuriösen Modellentwicklungen der Anfänge geht das Unternehmen mit dem Tesla 3 ins Breitensegment und liegt Ende 2018 bei einer Produktion von eintausend Stück täglich. Mittlerweile ist der Name eines der stärksten Zugpferde der Verkehrswende und der E-Mobilität. Nicht zu vergessen das Entertainment: 2018 schießt Elon Musk seinen privaten roten Tesla mit einer von ihm ebenfalls entwickelten Raketentechnik ins All. Anscheinend haften diesem Namen auch die energieintensiven Spektakel an.

 

Wie dem auch sei, die Bezeichnung Tesla stand und steht für ein Inspirationsmoment, für einen eigentümlichen und in die Zukunft spürenden Sinn. Einen Sinn, der vor allem das Neue in seinen Möglichkeiten sieht und ihm jene Bilder, Narrative und Legitimationen zuströmen lässt, die der Abgestandenheit der alten Mächte trotzen. Nikola Teslas Wechselstromtechnik wurde anfangs als Marotte abgetan, ebenso stand die Idee, dass Elektrizität überhaupt eine Breitenenergie werden könnte um 1900 lange in Frage. Eine vergleichbare Konstellation um 2000: Die Elektromobilität traf häufig der Einwand, lediglich ein Spleen zu sein. Ebenfalls deklassiert wurde die Idee, dass die Fahrzeuge hauptsächlich mit erneuerbaren Energien versorgt werden könnten.

 

Der Name Tesla wird mit Beharrlichkeit und wie ein Emblem in diesen Ereignissen sichtbar. Echenoz‘ Portrait von Nicola Tesla lässt die Dynamiken der Innovation an einigen ausgesuchten Stationen der Energiegeschichte aufleuchten. Nicht zuletzt aber gibt er seinen Lesern auch ein Gefühl für Teslas oder ‚Gregors‘ offene Flanke und sein tragisches Geschick. Es lag wohl in dessen Einzelgängertum: Eine Figur wie ein einsamer Turm, zu wenige Freunde, zu wenige Mitstreiter.

 

 

 

Literatur:

  • Jean Echenoz, Unsere Frau in Pjöngjang, übers. v. Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser Verlag, Berlin 2017.
  • Jean Echenoz, Blitze, übers. v. Hinrich Schmidt-Henkel, Berlin Verlag 2013.
  • Nikola Tesla, Meine Erfindungen. Eine Autobiographie, übers. v. Daniel Fedeli, Sternthaler Verlag, Basel 1996.

 

 

 

Aus der Forschung:

  • W. Bernard Carlson, Tesla. Der Erfinder des technischen Zeitalters, übers. v. Elisabeth u. Thomas Gilbert, FBV, München 2017.
  • Frank O. Hrachowi, Tesla. Die Geschichte einer Automarke, Edition Technikgeschichte, 2017.
  • Dororthea Schmidt-Supprian, Spielräume inauthentischen Erzählens im postmodernen französischen Roman. Untersuchungen zum Werk von Jean Echenoz, Patrick Deville und Daniel Pennac, Tectum Verlag, Marburg 2003.

Autor

  • Dr. phil. habil. Ingo Uhlig, Kulturwissenschaftler im WindNODE-Projekt am Fachgebiet für Energiesysteme der TU Berlin

Bildnachweise

  • Take-off – Das Große Experimentieren: Copyright fr.wikisource.org , Louis Figuier, Les Merveilles de la science, 1867 - 1891, Bd. 1, S. 561
  • „In diesem verschleierten Licht…“ – Energien der Industrialisierung: William Turner, The Fighting Temeraire tugged to her last Berth to be broken up, 1838 (lizenzfrei)
  • Lichtfluten: Offizielles Werbeplakat der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung 1891 in Frankfurt am Main, Copyright commons.wikimedia.org (gemeinfrei)
  • Türme und Blitze: Nikola Tesla in seinem Labor in Colorado Springs, Fotomontage, 1899 (lizenzfrei)

 

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